Das prickelt ohne Stress...


Hinter Frankfurt hat der Regen nachgelassen. Auf der Rheinbrücke zwischen Mannheim und Ludwigshafen ist zum ersten Mal die Sonne raus gekommen. Und an der Weinstraße war es dann fast wie damals in der Provence: Viel wärmer als zuhause. Luft wie Sekt. Riecht nach Lust und Laune hier. Aber nicht so hektisch. "Pfalz ist wie ein anderes Land", hat mir einer zuhause erzählt. Du musst nur wissen, wo es am schönsten ist. Und weil er immer wieder in Wachenheim Urlaub macht, probieren wir das auch mal.

Samstag
Samstagnachmittags angekommen und Glück gehabt. Sonne scheint. Prima Ferienwohnung im Dorf. Zur Stadtmauer sind es zwei Minuten zu Fuß. Zur nächsten Weinstube ist es nicht so weit. Zur übernächsten auch nicht. Aber das gehört zum Plan für die kommende Woche. Heute sind wir nach dem Begrüßungsplausch (mit unserer Vermieterin) gleich auf die Burg hinauf gestiegen (ohne unsere Vermieterin). Sie hat uns den Weg beschrieben und wir haben nicht alles verstanden. Pfälzer reden halt pfälzisch. Aber das alte Gemäuer über dem Städtchen ist ja nicht zu verfehlen. Oben angekommen, mussten wir erst mal kräftig Luft holen. Dann hat es uns fast den Atem verschlagen: Aussicht bis über den Rhein, bis nach Heidelberg auf der anderen Seite der Ebene. Weiter rechts sieht man den Speyerer Dom. Und vor uns steht ein paar Minuten später der bärtige Burgwirt mit einem duftenden Teller voll Saumagen, Leberknödel und Bratwurst. Unwiderstehlich. Noch unwiderstehlicher ist das Schoppenglas mit dem Riesling. "Der wächst direkt dort unten", sagt ein Wachenheimer, der neben uns sitzt. Von ihm lernen wir viel an diesem Abend (auch den Pfälzer Grundwortschatz). Das meiste hab ich aber wieder vergessen. Denn das Schoppenglas war irgendwie immer wieder leer. Und dann wieder voll

Sonntag
Zum Glück kann man in Ruhe ausschlafen in dieser Gegend. Die Glocken vom Kirchturm haben uns geweckt- ziemlich spät. Und das Frühstückwar o.k.
Zum ersten Mal im Leben richtige Pfälzer Leberwurst gegessen (sogar zum Frühstück, die gute Luft macht Appetit!). Und dann haben wir Pläne gemacht für die ganze Woche. War gar nicht so einfach. Denn hier gibt es massenhaft viel zu erleben. Angefangen haben wir mit einer Wanderung durch die Weinberge. Die Landschaft ist schön übersichtlich hier am Rand des Haardtgebirges. Man kann sich nicht verlaufen, auch nach dem zweiten Viertel Wein nicht. Außerdem trifft man sonntags viele Gleichgesinnte aus der Gegend, für die Wachenheim öfter einen Sonntagsausflug wert ist. Zu Ende geht ein solcher Sonntag - auch für uns - mit einer zünftigen Mahlzeit in einer gemütlichen Weinstube. Dort sitzt man, bis der Wirt so müde ist wie seine letzten Gäste. Vorher gibt er reichlich Tipps für die nächsten Tage.

Montag
Ein Besuch im Wachenheimer Rathaus kann nie schaden. Dort sind freundliche Leute, die noch mehr wissen als der Wirt. Sie geben uns buntes Papier und jede Menge Ratschläge - zum Beispiel fürs Radfahren. Und weil das Wetter immer noch so schön ist wie am ersten Tag, treten wir gleich tapfer in die Pedale. Erst durch sanfte Weinhügel, dann in die flache Ebene zwischen blühenden Obstbäumen hindurch. So lernen wir auch Wachenheims Nachbarschaft kennen und die anderen Weinorte der Verbandsgemeinde: Friedelsheim, Gönnheim und Ellerstadt. Hier braucht man die Langsamkeit nicht erst zu entdecken. - Himmlische Ruhe! Den Besuch im Weingut wollten wir eigentlich schön ordentlich planen. Aber die Verlockungen sind zu groß. Immer wieder radeln wir an einladenden Winzerhöfen vorbei - und irgendwann hat uns die Neugierde aus dem Sattel geholt. Riesling haben wir probiert und Silvaner, Weißburgunder und Grauburgunder - schöne Weine, mal ganz elegant und filigran und bestens geeignet zum feinen Menü, mal kräftig und saftig, genau das Richtige zum unbeschwerten Zechen. Wir haben ein bisschen das Zeitgefühl verloren an diesem Nachmittag und waren eigentlich ganz froh, dass es nicht mehr so arg weit war zu unserer Pension... Erst haben wir die Rotweinprobe auf Mittwoch oder Donnerstag verschoben. Und dann haben wir unserere Räder geschoben.

Dienstag
Heiter bis wolkig und ungeduldig: Zuviel haben wir schon gehört über die Deutsche Weinstraße. Und darum haben wir heute zuerst mal den nördlichen Teil erkundet - und zwar ganz romantisch und bequem mit der Bahn. Im Halbstundentakt fährt sie hier durch die Weinberge und jede Station ist ein Kleinod für sich: Altes Fachwerk, prächtige Winzerhöfe, Stadtmauern, hübsche Gärten. Langweilig wird's hier wirklich nicht. Sogar ein Golfplatz kommt unterwegs in Sichtweite.
Abends hocken wir dann wieder in der Weinstube. Ein paar Winzer winken uns rüber an den Stammtisch - eine Ehre und ein Vergnügen. Und dann kommt Wachenheimer Winzerlatein vom feinsten. Zuerst geht es noch um Mostgewichte und Gärung. Dann bekommt die Regierung ihr Fett weg. Und dann kommen fabelhafte Kreaturen ins Spiel: Elwetrittsche. Wir lassen 's uns buchstabieren und erfahren beim dritten Schoppen, dass die in den Weinbergen leben, ein bisschen aussehen wie (seltene) Vögel, dass sie mit Licht gelockt und dann mit Hilfe von Säcken gefangen werden. Wir selbst sind ein wenig befangen und versprechen, bei Gelegenheit ein hochwissenschaftliches EIwetrittsche-Seminar in Wachenheim zu besuchen. Das gibt 's wirklich. Und dann gibt's den Trollschoppen.

Mittwoch
Das Seminar steht immer noch im Wachenheimer Veranstaltungskalender und im Wein ist doch Wahrheit. Die Probe aufs Exempel (mit den Roten) verschieben wir auf morgen, weil heute bestes Wanderwetter ist. Denn noch ein anderer Superlativ hat uns hierhergelockt: Deutschlands größtes zusammenhängendes Waldgebiet. Pfälzerwald heißt es und .ein Netz von bestens markierten Wanderwegen lockt uns in den tiefen Forst. Typisch pfälzisch und für uns einigermaßen (angenehm) überraschend ist es, dass weitab von jeder menschlichen Behausung immer wieder Rasthütten auftauchen. Dort kann man sich nicht nur ausruhen, sondern auch mit einer kräftigen Mahlzeit für den Rest des Weges stärken. Auf dem Rückweg sind wir zufällig wieder an der Wachtenburg vorbei gekommen. Das heißt: Wir sind nicht vorbei gekommen, ohne einzukehren und endlich mal ausführlich das Informationsmaterial zu sichten, das uns die
Leute von der Tourist-Information mitgegeben haben. Was wir unbedingt sehen müssen ist das Waagenmuseum (noch ein Grund, mindestens bis Sonntag zu bleiben). Das beheizte Freibad ist auch nicht zu verachten. Oder eine Besichtigung der Sektkellerei; ein Besuch im Obsthof, wo aus Äpfeln lukullische Sensationen gemacht werden. Zur Winzergenossenschaft mit ihrem respektablen Weinangebot sollten wir unbedingt auch mal gehen. Aber erst mal gehen wir ins Bett.

Donnerstag
Heute ist die Villa rustica dran. Das ist nichts Schlimmes, sondern was ganz Besonderes: Die guten alten Römer, die ganz genau wussten, wo es am schönsten ist in ihrem Riesenreich, haben sich schon vor 2000 Jahren dort niedergelassen, wo sich heute die rund 5000 Wachenheimer wohlfühlen. Ein ganzes Dorf haben sie dort gebaut. Denn viel Sonne mit "Regenschatten" des Haardtgebirges gab es damals schon. Und ordentlichen Wein auch. Die wirklich eindrucksvollen Details erfährt man direkt vor Ort im Freilichtmuseum und kann sich ein bisschen fühlen wie damals Cäsar und die Seinen. Es ist schön hier und wir machen Picknick mit einem Hauch Geschichte und einer Prise Süden. Am Nachmittag steht Teil zwei unserer Weinexkursion auf dem Plan. Diesmal sind endlich die Roten dran: die samtigen Spätburgunder, die tiefdunklen Dornfelder, die zarten Portugieser und ein halbes Dutzend andere Sorten, aus denen die Winzer hier ihre feinen Weine machen. Faszinierend: die Probe direkt aus dem Barrique, jenen kleinen Eichenholzfässern, in denen die besten Weine reifen und sich dabei mit wunderbaren Aromen schmücken. So einer schmeckt uns auch abends auf dem Balkon in der frischen Abendluft aus dem nahen Wald.

Freitag
Total entspannt sind wir heute morgen endlich dorthin gefahren, wo alle hingehen, die Freizeitspaß pur in frerier Natur wollen: in den Kurpfalzpark. Die Fahrt hat nur fünf Minuten gedauert. Der Aufenthalt fünf Stunden. Hat unseren Zeitplan schon ein wenig durcheinander gebracht. Aber man kann hier jede Menge unternehmen: Tiere gucken zum Beispiel. Endlich habe ich mal ein Mufflon gesehen und Greifvögel im freihen Flug - eine filmreife Vorführung. Für Kinder gibt's hier viele tolle Sachen. Dass ich drei Mal mit dem "Rotsteigflitzer" gefahren bin, hat mir auch die Bemerkung "kindisch" eingebracht. Aber Rollerbob-Rennen in der Metallbahn, das bringt's voll.
Nach drei Stunden Ruhepause haben wir uns fein gemacht: Heute Abend ist kulinarischer Hochgenuss angesagt - ein Fünf-Gänge-Menü mit allem drum und dran. Die können richtig gut kochen hier in Wachenheim, edel, aber ohne
Krampf ("ohne Ferz" sagen die Einheimischen und inzwischen verstehen wir das). Und zu jedem Gang hat es einen anderen Wein gegeben. Das hat mich anfangs geschockt. Aber nie im Leben ist mir so klar geworden, wie gut feines Essen und guter Wein zusammenpassen. Es ist der doppelte Genuss.

Samstag
Jetzt ist sie schon fast um, die Woche - vergangen wie im Flug. Wir machen noch einen Abstecher nach Süden, bis hin zur französischen Grenze, dem Ende der Deutschen Wenstraße. Und dann wieder retour nach Wachenheim. Irgendwie kommt es uns vor, als sei die ganze Gegend hier ein Stück Frankreich: Die Leute können "Stress" zwar buchstabieren, aber sie wollen nicht. Sie machen sich nämlich keinen. Und wir leben mit ihnen hier wie Gott in Frankreich.
Die Zeit wird langsam knapp. Am Nachmittag kaufen wir Wein. Nächstes Mal kommen wir mit einem Kombi, weil der Kofferraum doch erstaunlich schnell voll wird. Aber der Wein riecht und schmeckt nach Pfalz - nach dieser Landschaft, die einem vorkommt, als hätte sie immereinen kleinen Schwips.
Und die uns dann, gleichsam zum tosenden Finale einen unvergesslichen Abend beschert: Serenadenkonzert unter freiem Himmel, uralte, riesige Bäume als Kulisse, provenzalische Gefühle in der pfälzischen Wirklichkeit - eine
Nacht wie Samt und Seide - wie aus einem schönen Film, mit prickelndem Sekt, mit froh gelaunten Menschen und mit dem Gefühl, dazu zu gehören wie Freunde.

Sonntag
Es ist zum Heulen. Aber eine Woche hier kann so kurz sein wie anderswo ein Tag. Abschied von unserer Vermieterin. "Auf Wiedersehen" ist hier im wahrsten Sinne des Wortes gemeint. Schnell noch ins Waagenmuseum, weil es nur sonntags offen hat und weil es so etwas wirklich nur hier gibt. Nochmal hinauf zur Burg, zum letzten "Zum Wohl. Die Pfalz." Ein letzter Blick über das gelobte und geliebte -Land. Und dann ab nach Hause - mit dem sicheren Gefühl: Das erste war nicht das letzte Mal. Den Saumagen und die gute Hausmacher Wurst haben wir in Dosen mitgenommen -in pfälzischen Dosen, und das ist nicht zu knapp. Den Wein haben wir in Flaschen. Und Wachenheim haben wir in unseren Herzen. Wir alles tropfenweise genießen. Auch die schönen Erinnerungen und die Vorfreude aufs nächste Mal.